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„Endlich kenne ich das Gefühl, unbedingt arbeiten zu wollen“: Mein Sprung in d...

Quelle: Lena Bunjes

Arbeit - Karriere

„Endlich kenne ich das Gefühl, unbedingt arbeiten zu wollen“: Mein Sprung in die Selbstständigkeit

Ich bin eine dieser gebeutelten Neuzeit-Angestellten mit einem Einjahresvertrag gewesen. Ein Jahr taucht man ein in die Abläufe seines Unternehmens und darf sich, sobald man „drin“ ist, gegebenenfalls schon wieder einen neuen Job suchen… Bei mir hat sich dieser Vertrag einerseits als Fluch, andererseits als Segen erwiesen.

Ich bin ausgebildete Logopädin. Doch wie der Beruf einer Logopädin aussah und was meine Aufgaben waren, habe ich erst im realen Berufsalltag erlebt. Zuerst im Angestelltenverhältnis in Kiel, dann in Hamburg, später in Berlin. Das Phänomen, die Diskrepanz zwischen Klassenzimmer und Arbeitswelt ist gar nicht ungewöhnlich, doch für mich hat sich im Laufe der Jahre immer mehr ein generelles Unwohlsein im Beruf ergeben. Leider!

Ich denke, dass dies auch viel mit den Umständen des Berufes zusammenhängt: die schlechte Bezahlung, der in Deutschland vergleichsweise geringer Status und dass man immer wieder mit Ärzten und Krankenkassen um jede weitere Therapiestunde kämpfen muss. Ich habe zudem immer in sozialen Brennpunkten gearbeitet, was ich zuletzt Ende 2012 einfach nicht mehr ausgehalten habe. Ich wollte Veränderung!

Wende durch Schwangerschaft Nummer 1

Schwanger mit dem ersten Kind, ein Arbeitstag, der mit abendlichem Tinitus und Schlafstörungen quittiert wurde und ein auslaufender Jahresvertrag… das war für mich der Punkt, mein Arbeitsleben zu überdenken. Der Mutterschutz und die Elternzeit gaben mir die nötige Ruhe, mir darüber klar zu werden, wie mein künftiges Arbeitsleben aussehen sollte. Nicht mehr Therapeutin zu sein und den Sprung wagen, mein Hobby zum Beruf zu machen: Nähen!

Organisation ist alles

Vom Arbeitsamt bekam ich leider keine finanzielle Unterstützung, da ich ja einen Beruf erlernt hatte, für den der Arbeitsmarkt Stellen bietet. Für mich ein harter Schlag, denn die Aussage war klar: „Mach den Job den du gelernt hast. Ob du unglücklich bist, spielt keine Rolle. Alles weitere werden wir nicht unterstützen.“
Also kratzte ich mein Erspartes zusammen und suchte mir selbst so gut ich konnte Hilfen. Bereits acht Monate nach der Geburt des ersten Sohnes ging er am Nachmittag für 2-3 Stunden zu einer Freundin, die ebenfalls ein kleines Kind hatte und auf beide aufpasste. So hatte ich Zeit, meine Selbstständigkeit aufzubauen. Ein Label für fröhlich-bunte Handmademode für Kinder sollte es sein. Es war schwer, richtig schwer. Bis heute gibt es keinen zuverlässigen Ratgeber, so etwas wie „Kleinunternehmertum für Dummies“– was definitiv eine Marktlücke ist. Stück für Stück habe ich mir alle erforderlichen Themen angeeignet. E-Commerce, Richtlinien für die Herstellung von Kinderkleidung, Etikettierungsvorschriften, Lizenzfallen, Verpackungsverordnung, saisonale Rhythmen in der Modewelt, Marketing, PR, Buchhaltung, Preisgestaltung. Alles Themen, die ich nicht gelernt hatte und für die ich gute Mentoren gebraucht hätte. Da mich aber die Leidenschaft derart gepackt hatte, hab ich gelesen und gelesen, ausprobiert, verworfen und einfach jeden in meiner Umgebung nach Meinungen und Ratschlägen gefragt. Später kamen dann auch gezielte Weiterbildungen bei Maßschneidern oder im Mompreneurs-Netzwerk hinzu. Hier kommen Mütter zusammen, die neben Kind und Kegel trotzdem arbeiten oder etwas neue ausprobieren möchten und sich gegenseitig unterstützen wollen.

Labelgründung und Kleinkind

Mein Label „Berlinerie“ ging im Jahr 2013 online und fand Anklang. Dass ich dafür so viel tun konnte, habe ich ganz klar dem neuen Kita-System in Berlin zu verdanken. Dass mein Sohn mit zwölf Monaten in die „Nestgruppe“ gehen konnte, war eine große Erleichterung und hat mir Zeit verschafft, denn die Großeltern sind nicht in der Stadt, die mich unterstützen könnten.

Durchstarten?

Gerade hatte ich mich an die immer längeren Betreuungszeiten meines Sohnes gewöhnt, da wurde ich mit dem zweiten Kind schwanger. Für die Selbstständigkeit ganz klar erstmal eine Zwangspause, da ich wie schon beim ersten Mal unter „hyperemesis gravidarum“ litt, einer krankhaften Schwangerschaftsübelkeit. Das viele Liegen habe ich dennoch gut nutzen können. Mir wurde klar, dass ich schon aus Zeitgründen meine vielen Ideen für mein Label bündeln musste. So entstand die Idee, nur noch eigene Schnittmuster anzubieten und keine Kinderkleidung mehr zu verkaufen.

Und hier liegt bis heute mein Hauptaugenmerk, es ist nicht nur zu meinem Beruf, sondern meine Berufung geworden. Endlich kenne ich das Gefühl, unbedingt arbeiten zu wollen, am liebsten jede freie Minute, weil mich meine Arbeit einfach glücklich macht. Ich kann sagen, dass mir mein Beruf sehr viel abverlangt, aber es ist ein ganz anderer Stress, als damals als Logopädin. Und warum? Einfach weil ich es sehr gern mache! Es ist mein Stress! Ich entscheide und bin nicht nur Dienstleister und das ist ein gutes Gefühl!

Learning by doing

Ich finde es faszinierend, sich einen Leistungsbereich komplett selbst beizubringen und die Businesswelt, zu der ich mich trotz kreativem Job hinzugehörig fühle, ist völlig anders als das Therapeutendasein. Ich bin sehr stolz, was ich mir alles angeeignet habe, sei es das Nähen, sei es das Schneiden mit dem Plotter oder den Umgang mit meinen Grafikprogrammen. Mittlerweile kann ich bei Gesprächen über Affiliate-Marketing, Vektordateien, Responsive Designs, Bounce- und Conversionsraten, Beitragsreichweiten, Social Media Konzepten und SEO mitreden und das ist immer wieder neu, komplex und sehr erfrischend.

Die Auseinandersetzung mit so vielen neuen Themen funktioniert natürlich nur, wenn man sich die Zeit dafür nimmt. Da mein zweiter Sohn, ein zehn Monate altes Baby, nicht mehr allzu viel tagsüber schläft und ich erst in einigen Monaten einen Kitaplatz für ihn bekomme, haben wir ein Kindermädchen eingestellt. Sie ist wie ein Demi-Pair ein paar Stunden am Tag bei uns in der Familie, holt den Großen zum Beispiel von der Kita ab, was mir wichtige Zeit in meinem Atelier verschafft.

Dieses Modell des Switchens zwischen den Rollen „Mutter“ und „Selbstständige“ ist sicher nicht für jeden etwas. Denn man muss viel organisieren und hat oft das Gefühl, in beiden Rollen nicht immer alles geben zu können. Unterm Strich macht es uns als Familie aber alle glücklicher. Wenn Mama gearbeitet hat, – und sei es nur drei Stunden am Tag – ist sie happy und kann sich ganz entspannt den Kindern widmen. Für mich ist es der Richtige Weg, denn ich möchte mich nicht zwischen Beruf und Familie entscheiden müssen.


Lena arbeitet als Schnittmuster-Designerin und ist Herausgeberin des Onlinemagazines ebooks&more. Mittlerweile hat sie 17 Ebooks mit Nähanleitungen herausgebracht. Auf Anfrage näht sie auch individuelle Kinderkleidung oder erstellt ein persönliches Schnittmuster nach Maß.“ Website | Facebook | Instagram | Pinterest

  1. Super! ☺ Schöner Bericht!! Weiterhin viel Erfolg ☺

    15 Januar

  2. Melanie Sommer

    Toller Bericht! Macht Mut sich immer mal wieder auf neue Sachen zu stürzen. Ich bin aktuell nur beratend tätig, plane aber Produkte. Dieser Text wirkt ein bisschen wie ein Schubs. Danke!

    16 Januar

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