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Sind wir alle noch zu retten? Eine Betrachtung über die/ in der Corona-Krise
Sind wir alle noch zu retten? Eine Betrachtung über die/ in der Corona-Krise

Quelle: Pexels

Gedanken - Gesundheit

Sind wir alle noch zu retten? Eine Betrachtung über die/ in der Corona-Krise

Anders als bei einem Kommentar, bei dem es um eine klare Fakten- und Situationsanalyse geht mit einem abschließenden Fazit, nutze ich im folgenden Text ganz bewusst das Genre der Betrachtung. Wenn ihr also – hoffentlich – diesen Text lest, dann vermittle ich darin meine persönlichen Sichten und Ansichten. Denn die Corona-Krise macht mich sehr nachdenklich. Doch ich sehe auch gewaltige Chancen.

Im ersten Text bei WAW „Müssen wir uns in Deutschland vor dem Corona-Virus fürchten?“ (veröffentlicht am 14. Februar 2020) habe ich noch gezögert, ein „Ja“ auf die gestellte Frage zu formulieren. Denn vor wenigen Wochen wurde noch allenthalben beschwichtigt. Mir machte als langjährige Medizinjournalistin allerdings die hohe Mortalitätsrate sofort große Sorgen. Inzwischen offensichtlich auch allen anderen, besonders unseren Medizinern und Politikern. Und nun geschieht mit uns, geschieht mit der ganzen Welt so Unfassbares, dass die Reaktionen darauf  manchmal fast belustigend sind. Nehmen wir doch einfach nur die Klopapier-Hamsterkäufe. Von Psychologen wird dieses Phänomen so ausgedeutet, dass wir darüber den eben zu erleidenden Kontrollverlust kompensieren wollen.

Völlig von der Rolle, aber wieder alles unter Kontrolle? Leute, geht’s noch? Nein, ich mache mich nicht lustig. Aber über diese lakonische Bemerkung meiner Tochter habe ich herzlich gelacht. Was ganz nebenbei auch mal wieder richtig gut tat. Denn der Tag besteht inzwischen aus lauter belastenden Entwicklungen und Informationen. Meine beste Freundin – sie arbeitet in einem kleineren Hotel – schilderte mir die Dramatik ihrer Erlebnisse gestern Abend am Telefon. Wie es war, als die Telefone nicht mehr still standen, und fast schon im Sekundentakt die Stornierungen kamen. Bald darauf auch über sämtliche Buchungsportale. Aus übervollen Zimmer-Belegungen wurden binnen zwei, drei Tagen völlig leere. Ein leeres Hotel, dem die Gäste ausgehen. Ihr Chef lief stundenlang über den Parkplatz, um Kippen zu sammeln und wohl auch seine Gedanken. Er müsse jetzt zwischen dem Mensch und dem Geschäftsführer abwägen. Meiner Freundin wurde gekündigt. Anderen Kolleginnen auch, aber nicht allen. Menschlichkeit – wie sie Frau Merkel einmahnte – wurde zu- und aufgeteilt. Und für alle reichte sie halt nicht. Meine Freundin blieb ruhig, so wie sie es erstaunlicherweise ohnehin immer bleibt. Aber es tat ihr trotzdem sehr weh. Mal ganz abgesehen davon, dass sie vor lauter Existenzsorgen in dieser Nacht nicht schlafen konnte. Am anderen Tag wurde die Kündigung zurückgenommen. Die Möglichkeit des Kurzarbeiter-Geldes war nun auch zu besagtem Hotelchef vorgedrungen und ein Antrag eilig eingereicht.

Wisst ihr übrigens, dass die Bundesagentur für Arbeit dieses Kurzarbeitergeld über einen Zeitraum von bis zu 24 Monaten stemmt? Ja, richtig gehört oder auch bei meiner Kollegin Betty hier im Blog gelesen.

24 Monate sind zwei Jahre – genau! Und jetzt erst einmal die Augen gerieben? Kann ich gut verstehen. In so einer gewaltigen Krise verfallen wir in kindliche Hoffnungsschemata. Vielleicht ist ja schon bald alles wieder vorbei? Wie ein Nebel des Grauens, der von einem frischen Wind einfach wieder fortgeblasen wird. Wird er aber nicht, da lehne ich mich aus dem Fenster. Und dann? In drei, vier, fünf oder zehn Monaten? Was wird dann mit uns, mit unserem Land  passieren? Passiert sein. Ich denke an die millionen Eltern, die bei Kita- und Schulschließungen derzeit improvisieren, also aus dem Stegreif reagieren. Wie lange sollen die das durchhalten? Was wird aus den vier bis fünf Million Freiberuflern, die oftmals nur auf ihren eigenen Beinen stehen. Werden sie stehen bleiben? Bekommen sie Hilfe?

Ein Kriegszustand ohne Bomben – darin befinden wir uns jetzt. Nichts geht mehr. Keine Restaurantbesuche, kein Kino, kein Shoppen, keine Urlaube, keine Flieger, keine Kreuzfahrtschiffe… Vielleicht schon bald nicht mal mehr der Schritt aus der Wohnung. Ich halte ein Ausgehverbot auch hier in Deutschland für möglich.

Kollektive Demut – kriegen wir die wirklich hin? Vielleicht werden die Güter des täglichen Bedarfs  doch noch rationiert. Geben wir unserer alten Nachbarin dann wirklich Brot ab? In den USA hat sich der Waffenverkauf verzehnfacht! Die Amis haben Angst vor Plünderungen und wollen gewappnet sein. Werden sie sich bald gegenseitig abknallen? Apokalyptische Verhältnisse nicht mehr nur als Coppola-Filmidee?  Ich weiß das alles nicht, keiner weiß das.

Diese Krise als Chance gegen die Klimakatastrophe. Von der spricht gerade kaum noch wer. Mich beschäftigt sie schon. Denn nun ist plötzlich möglich, was gegen den Untergang unseres Planeten hätte kommen müssen. Es heben kaum noch Flieger ab, die Kreuzfahrtschiffe bleiben im Hafen, wir können nun plötzlich Live-Schaltungen statt milliardenteuren Gipfeln, die oft genug zu nichts führen. Wir müssen die Krise ernst nehmen, jeder Einzelne von uns – so sagte es die Kanzlerin in ihrer bemerkenswerten Rede an die Nation. Genau, jeder Einzelne von uns muss auch die drohende Klimakatastrophe persönlich nehmen und verhindern. Notfalls müssen die Regierungen der Welt ihrer Bevölkerung den Klimaschutz verordnen. So wie sie jetzt viele Maßnahmen zur Abschwächung der Corona-Ausbreitung angeordnet haben. Nur ein paar Beispiele: Warum nicht die Kfz-Steuer für SUVs so drastisch anheben, dass diese Umweltsünder einfach nicht mehr bezahlbar sind. Warum nicht Urlaubsreisen mit langen Flügen rationieren, und sie nur alle drei Jahre gestatten. Ebenso Schiffsreisen. Wer nicht hören will…

Zum Abschluss noch einen bemerkenswerten Satz von der Vorsitzenden des Europäischen Ethikrats Christiane Woopen: „Die äußere Begrenzung geht mit innerer Öffnung einher.“ Hoffentlich. Denn das wäre eine immense Chance für uns alle und unseren wunderschönen blauen Planeten sowieso.

Bleibt bitte gesund! Herzlichst eure Sylvia


ist Diplom-Journalistin und hat ein Staatsexamen in Psychologie. Die alleinerziehende Mutter war viele Jahre Mitglied der Chefredaktion großer deutscher Frauenzeitschriften. Derzeit ist die überzeugte Vegetarierin, freie Autorin und findet die besten Ideen auf Spaziergängen mit ihrem Hund Quadriga.

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