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Nicht nur zum Totensonntag: Wie wir um Verstorbene...

Nicht nur zum Totensonntag: Wie wir um Verstorbene trauern können

Nicht nur zum Totensonntag: Wie wir um Verstorbene trauern können

Quelle: Kat Jayne / Pexels

 

Der Tod gehört zum Leben. Ein Umstand, den wir oft verdrängen. Mitunter konfrontiert uns erst das Ableben geliebter Menschen mit dieser Unausweichlichkeit. Und wir bemerken schmerzlich, dass es keine allgemein- gültige Trauer-Formel gibt. Der Verlust zwingt jeden Einzelnen von uns, für sich selbst Wege seiner Trauer zu finden. Der alljährliche Totensonntag ist dabei nur eine Art kirchliches Gedenk-Angebot…    

Zur Historie des Totensonntages

Wann er begangen wird: Immer am letzten Sonntag vor dem 1. Advent. In diesem Jahr also am 26. November. An diesem Tag gedenken Evangelisten und Nichtchristen ihrer Verstorbenen. Katholiken haben dafür den Feiertag Allerseelen Anfang November (in diesem Jahr war er am 2.11.). Übrigens gilt für beide Toten-Gedenktage u.a. ein Verbot von Musikveranstaltungen.

Warum wir an diesem Tag die Gräber schmücken: Der preußische König Friedrich Wilhelm III. (nicht der Alte Fritz) führte ihn 1816 als „allgemeines Kirchenfest zur Erinnerung an die Verstorbenen“ ein. Vermutlich, weil es bis dahin keinen Totengedenktag in der evangelischen Kirche gab. Doch die Befreiungskriege gegen Napoleon hatten viele Tote hinterlassen. Ihrer sollte fortan gedacht werden. Außerdem gab es für Friedrich Wilhelm III. auch einen persönlichen Grund für diesen Tag. Er betrauerte nämlich seine Frau, Königin Luise.

Bräuche zum Totensonntag: An diesem stillen Tag oder auch Ewigkeitssonntag suchen wir bewusst die Gräber unserer Verstorbenen auf und legen dort Gestecke oder Blumen ab. Viele entzünden auch Kerzen.

Eine kleine Betrachtung: Gedanken zum Tod geliebter Menschen…

Seltsam, dass es bei Beerdigungen so oft regnet. Da stand ich nun auf diesem kleinen Dorf-Friedhof und erinnerte mich an Kindertage. Wie oft hatte ich meine Großmutter zur Grabpflege hierher begleitet? Durch sie hatte dieser Ort für mich nichts Bedrückendes. Sie war ja bei mir. Die Toten, die da in ihren Gräbern lagen und „schliefen“, hatten für mich keine Gesichter. Nur Namen auf den Steinen.

Nun trugen wir hier meine Großmutter zu Grabe. Meine liebe, sanfte, alles verzeihende, immer gebende Oma. Auch fast zwei Jahre Kriegsflucht mit ihren drei kleinen Kindern, Hunger, Typhus, Angst um den Mann an der Front, all der Lebensgram hatten nicht die Güte aus ihrem Gesicht löschen können. Jetzt bekam dieses Gesicht einen Grabstein.

Niemand kann wirklich mit Worten beschreiben, wie sich Trauer um geliebte Menschen anfühlt. Ein Freund verlor vor einigen Jahren seine Frau durch eine schwere Krankheit. Sie starb im Krankenhaus in seinen Armen. Als er in ihre gemeinsame Wohnung zurück kehrte, wurde er ohnmächtig. Monatelang hämmerte immer nur ein Gedanke  in seinem Kopf: Anna ist tot.

Und sie kommt nie wieder. Auch nicht meine Großmutter. Aber ich kann zu ihr „reisen“, in Gedanken. Ich sehe bunte Blätter im Herbstlicht und habe vor Augen, wie sie dieser Anblick immer gefreut hat. Ich backe Kuchen mit meinem Kind und erinnere mich wieder, wie es mir Oma einst beigebracht hat.

Der Dichter Bertolt Brecht hat einmal gesagt: Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt. Tröstlich, es so zu begreifen. Denn dann lebt meine Großmutter noch. Tief in mir. So wie jeder andere Tote auch, der einst geliebt wurde. Doch die Sehnsucht nach diesen Menschen wird wohl immer bleiben.

Meine persönlichen Wege mit dem Verlust geliebter Menschen umzugehen

Der Tod hält Einkehr auf deiner Wiese: Als mein bester Freund mit 43 Jahren starb, schnitt es mir die Luft ab, ich war wochenlang wie gelähmt. Meine russische Freundin erklärte mir mein anhaltendes Entsetzen damit, dass der Tod nun auf „meiner Wiese“ die Sense schwingt, in meinem Leben bei „meinen“ Menschen Einkehr hält. Genau das sei es wohl, was mich so nachhaltig  erschüttern würde. Und sie hatte Recht: Der Tod passierte nicht mehr irgendwo da draußen, sondern in meinem Leben. Ich war und bin gefordert, dieses Absolutum zu akzeptieren.

Freue dich an der gemeinsam gelebten Zeit: Viele Kulturen nehmen den Tod viel gelassener an als wir. Sie feiern mit dem Tod das Gedenken an all die schönen Erlebnisse, die  unauslöschlich mit diesem Menschen verbunden sind und es auch immer sein werden. Ich habe mir den Gedanken von Bertolt Brecht zu Eigen gemacht, dass dieser Mensch ja in mir und durch mich weiterlebt.  „Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt“, dieser Dichterspruch ist mein Todes-Vermächtnis geworden. Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht an meinen Freund, meine Oma denke. Obwohl sie schon Jahre tot sind.

Du kannst weiter mit diesen Menschen „sprechen“: Nur ein Buch für Kinder oder tiefe Philosophie? Zwischen Harry Potter und Professor Dumbledore gibt es in der Grauzone zwischen Leben und Tod ein Gespräch, bei dem Harry noch viele offene Fragen beantwortet bekommt. Am Ende fragt Harry: „Ist das hier wirklich? Oder passiert es in meinem Kopf?“ Und Dumbledore antwortet: „Natürlich passiert es in deinem Kopf, Harry, aber warum um alles in der Welt sollte das bedeuten, dass es nicht  wirklich wahr ist?“ Ich selbst habe seither schon viele Kopf-Gespräche mit meiner Oma, mit meinem Freund geführt… Und es ist oft ein sehr lebendiger (und tröstlicher) Dialog.

Wie erkläre ich meinem Kind den Tod? Ein atheistisches Angebot…

Schon für Erwachsene ist der Tod eine schwer fassbare Tatsache. Noch viel komplizierter ist es für Kinder, ein Verständnis zu entwickeln, warum Oma, Opa… nun plötzlich nicht mehr da sind. Und es auch nie wieder sein werden. Als die Uroma starb, habe ich meinem damals achtjährigem Kind erklärt: Wenn du den ganzen Tag gespielt hast, viele Erlebnisse hattest, dann bist du am Abend sehr, sehr müde. Und du möchtest nur noch eines – nämlich schlafen. Deine Uroma hatte nicht nur sehr viele lange Tage mit vielen anstrengenden Erlebnissen, sondern viele Jahre. Davon ist sie nun so müde geworden, dass sie endlich für immer schlafen möchte. Wie du weißt, tut das Schlafen nicht weh. Auch deine Uroma war ohne Schmerz und Angst. Es war gut und richtig für sie, nun endlich  „schlafen“ zu gehen. Sie konnte ganz beruhigt einschlafen, weil sie wusste, dass du nicht allein bleibst. Da sind ja wir – Mama, Papa, Oma und Opa, deine ganze Familie.

Dieser Erklärungsansatz funktioniert auch beim Ableben nach Krankheiten. Denn Kinder wissen, wie schlapp und müde sie sich fühlen, wenn sie z.B. Fieber haben. Wichtig ist, dass ihr beim Erklären des Todes an die Erlebnis-Welt eures Kindes anknüpft. Abstrakte Formulierungen können sie nicht verstehen. Ich persönlich rate (noch) ab, davon zu sprechen, dass der Tod nun mal zum Leben gehört. Dass sie auch eines Tages sterben werden, macht jüngeren Kindern heillos angst.  Euer heranwachsendes Kind wird den Zeitpunkt selbst wählen, wenn es mehr über den Tod wissen möchte. Stellt euch diesen „Fragestunden“ unverkrampft und antwortet ehrlich, was ihr über den Tod wisst und wie ihr damit umgeht.


ist Diplom-Journalistin und hat ein Staatsexamen in Psychologie. Die alleinerziehende Mutter war viele Jahre Mitglied der Chefredaktion großer deutscher Frauenzeitschriften. Derzeit ist die überzeugte Vegetarierin, freie Autorin und findet die besten Ideen auf Spaziergängen mit ihrem Hund Quadriga.

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