Women at Work: Anna Maria Sturm, nach „Beste Zeit“ und „Beste Gegend“ hat Regisseur Marcus H. Rosenmüller nun, sechs Jahre später, den dritten Teil der Trilogie abgedreht – „Beste Chance“ kommt im Juni in die Kinos. Wie gefällt Ihnen denn der Film?

Anna Maria Sturm: Ich habe ihn noch nicht gesehen.

Women at Work: Aber Sie waren ja beim Dreh dabei …

Sturm: Die Zeit der Dreharbeiten in Indien hat mich sehr geprägt – ich war noch nie zuvor dort. Ich fühlte mich in Delhi wie in einem Bienenstock, denn wir haben ja nicht in irgendwelchen Ressorts ayurvedamäßig gedreht, sondern mittendrin und ohne Absperrungen Das war eine irre Erfahrung, wie ein Traum.

Women at Work: Wie lange waren Sie in Indien?

Sturm: Über drei Wochen. Wir waren durch das Essen auf den Märkten und Straßen aber auch alle krank, weil wir das einfach nicht gewohnt waren. Ich habe mich zum Schluss nur noch von Bananen und Mandarinen ernährt, weil ich die selber schälen konnte und keine Angst vor Keimen haben musste. Die Armut dort, der Dreck und die unfassbar vielen Menschen auf kleinstem Raum haben mich schon ziemlich mitgenommen .

Women at Work: Könnten Sie sich nach dieser Erfahrung vorstellen, sich in Indien nicht nur als Kati im Film, sondern auch als Anna Maria Sturm selbst zu finden?

Sturm: Damit habe ich es jetzt nicht so. Natürlich reisen viele Menschen dorthin, besuchen Ashrams oder trampen quer durchs Land. Das ist ja auch toll. Der Lebensstil der Menschen ist komplett anders als bei uns. Der Druck unseres Lebens fällt weg, es gibt so ein Laisser-faire. Aber für eine Frau ist es sicher nicht unproblematisch, das Land allein zu erkunden. In Delhi ist ab acht Uhr abends fast keine Frau mehr auf der Straße, es gibt leider auch viele Vergewaltigungen und Überfälle.

Women at Work: Also könnten Sie nicht das Gleiche tun wie die Kati, die Sie im Film spielen: Die setzt sich ohne zu Zögern in den Flieger nach Delhi, um dort nach ihrer Freundin zu suchen.

Sturm: Doch, das kann ich mir sehr wohl vorstellen. Prinzipiell reise ich sehr gern allein. Das finde ich immer spannend, weil man in einer fremden Gegend sehr mit sich selber konfrontiert wird, und das tut gut. Das ist immer ein recht kreativer Prozess, den ich durchmache, weil ich da viel über mein Leben und über mich selber nachdenken kann.

Women at Work: Und wie fühlen Sie sich dabei?

Sturm: Das kommt auf die Tagesform an. Oft ist es auch total einsam, und man denkt: Was soll das eigentlich alles bringen?

Women at Work: Kommen wir zurück zum Film. Zwischen dem zweiten und dritten Teil liegen sechs Jahre. War das für Sie nicht seltsam, noch einmal an die alte Geschichte anzudocken? Sie haben sich ja in dieser Zeit auch verändert.

Sturm: Ich fand das eigentlich gerade spannend, dass da so eine lange Zeit dazwischen lag. Ich habe mich zwar verändert, bin älter geworden, aber es ist mir überhaupt nicht schwergefallen, wieder in diese Rolle hineinzuschlüpfen. Im Gegenteil, das war, als käme ich zu einer alten Freundin zurück. Und mit der Erfahrung, die ich in der Zwischenzeit gesammelt hatte, konnte ich die Figur wieder ausfüllen und neu beleben.

Women at Work: Es heißt, Marcus H. Rosenmüller sei einer Ihrer Lieblingsregisseure.

Sturm: Ein sehr wichtiger.

Women at Work: Warum arbeiten Sie so gerne mit ihm?

Sturm: Mit ihm habe ich meinen allerersten richtigen Film gedreht; er ist ein ganz besonderer Mensch mit einer großen Kraft und Energie; er liebt seine Figuren und liebt das, was er tut. Das hat mich natürlich angesteckt, und ich bin seinen Weg mitgegangen. Auch in seinem Kinofilm „Sommer der Gaukler“ hat er mich besetzt. Mit Rosi drehen ist toll, denn er fordert wirklich was von dir, und vor allem fordert er dich auf zu einer kreativen Mitarbeit – also mitzudenken, auch beim Text. Er fragt einen auch immer: „Würdest Du das so sagen?“ Das kommt ganz selten vor, dass das jemand macht. Das ist anstrengend, aber es ist auch der Mühe wert, denn dadurch wird ein Film echter, ehrlicher, tiefer.

Women at Work: Aber honoriert das auch das Publikum? Den ersten Teil („Beste Zeit“) der Trilogie sahen 123000 Kinobesucher, den zweiten Teil („Beste Gegend“) weniger als die Hälfte. Haben Sie eine Ahnung, wie viele sich den dritten Teil „Beste Chance“ ansehen?

Sturm: Da bin ich schon gespannt.

Women at Work: Er soll zuerst und vor allen Dingen in den südlichen Bundesländern Deutschlands gezeigt werden. Also dort, wo die Geschichten spielen.

Sturm: Deswegen habe ich mich ja auch gefreut, dass Sie mich als Berliner Magazin zum Interview eingeladen haben, denn normalerweise kommen die Anfragen vor allem aus Süddeutschland, weil wir im Film schon richtig derbes Bayerisch sprechen und das in den nördlichen Regionen nur wenige verstehen .

Women at Work: Aber die Probleme, die sie im Film darstellen, haben Jugendliche doch überall haben – also beispielsweise heimlich mit dem Auto der Eltern fahren und dann einen Crash machen.

Sturm: Stimmt, das ist universal. Es nervt mich auch, wenn ein Film wie unserer mit bayerischer Kulisse und Dialekt gleich Heimatfilm heißt. Natürlich geht es auch um Heimat, aber in dieser Trilogie geht es eigentlich um viel mehr als das. Es geht um Jugend, es geht ums Aufwachsen, es geht um Freundschaft, um Liebe, Vertrauen und Verrat.

Women at Work: Komischerweise spielt der Dialekt, wenn der Tatort aus München kommt, überhaupt keine Rolle.

Sturm: Stimmt.

Women at Work: Aber Sie möchten nicht aufs Bayerische abonniert sein, haben Sie in einem Interview gesagt.

Sturm: Stimmt auch.

Women at Work: Und deshalb haben Sie sich vom Polizeiruf 110 verabschiedet? Viele Kollegen haben Ihnen deshalb den Vogel gezeigt und gesagt: Wie kann sie nur?

Sturm: Wenn ich gute Filme machen kann, dann ist es mir egal, was für einen Dialekt ich in dieser Rolle spreche. Aber wenn man diese Rolle einmal erfolgreich gespielt hat, bekommt man immer die gleichen Angebote. Das hat mir ein bisschen die Luft abgeschnürt, denn ich bin ja nicht Schauspielerin geworden, um nur einen Typ zu verkörpern. Natürlich könnte ich diese Anforderung immer wieder bedienen, viel mehr Filme im Dialekt drehen, aber das ist mir einfach zu langweilig, da kann mich nicht entwickeln. Ich will mich ausprobieren. Das war ein Grund, beim Polizeiruf 110 aufzuhören.

Women at Work: Aber die Rolle machte Sie bundesweit bekannt.

Sturm: Das ja, auf jeden Fall.

Women at Work: Und dann standen Sie neben einem so großartigen Schauspieler wie Matthias Brandt vor der Kamera .

Sturm: Natürlich. Das war auf einem hohen Niveau, das Ganze und eigentlich war es eine völlige Idiotenentscheidung.

Women at Work: Aber Sie bewiesen Mut zum Risiko.

Sturm: Ich wusste wirklich nicht, was kommt, und es war ein langer Prozess, bis ich gesagt habe, ich höre auf. Ich wollte mich damit auch davon lösen, dass ich so eine Sicherheitsschiene fahre.

Women at Work: Inzwischen leben Sie in Berlin…

Sturm: …und habe hier meine erste eigene Wohnung in einer komplett anderen Stadt bezogen. Berlin ist eine tolle Stadt, finde ich. Sie passt besser zu mir als München zum Beispiel.

Women at Work: Warum?

Sturm: Ich fühle mich freier in Berlin. Man hat zum Beispiel nicht den polizeilichen Druck, den ich in München immer spüre, dass alles so reglementiert ist. Das fühle ich in München ganz stark, dass da auf alles aufgepasst wird. Natürlich ist es auch eine wunderschöne, saubere, ruhige Stadt mit einem tollen Lebenskomfort, aber Berlin hat halt etwas Wilderes, finde ich.

Women at Work: Und welche Figur würde Sie jetzt nach den Dreharbeiten im schönen Bayern als Schauspielerin am meisten reizen?

Sturm: Das ist projektabhängig: Welche Regisseurin oder welcher Regisseur plant da einen neuen Film oder ein Theaterstück?

Women at Work: Aber welche Figur würde Sie am meisten reizen? Auf welchen Charakter hätten Sie Lust?

Sturm: Das Spannende beim Spielen ist ja, dass man etwas spielt, was man nicht ist, was man nicht kennt.                Da gibt es soooo viele Möglichkeiten..Ich lasse mich gerne überraschen. Zum Beispiel könnte ich mir vorstellen, einen todtraurigen Menschen zu spielen, der überhaupt nicht weiß, was er mit seinem Leben anfangen soll. Der sich fragt, warum er am Morgen überhaupt aufstehen soll, der gerne Karriere machen würde, aber einfach nicht weiss, wie das geht.

Women at Work: Sie haben schon zweimal den Grimme-Preis bekommen und sind für den Bayerischen Filmpreis nominiert.

Sturm: Ich bin nominiert, ja, für den Polizeiruf 110 „Der Tod macht Engel aus uns allen“.

Women at Work: Und wie wichtig ist so was? Wird Ihre Karriere dadurch einen neuen Schub bekommen?

Sturm: Also im Filmgeschäft, glaube ich, sind solche Preise ziemlich wichtig. Ich habe mich natürlich gefreut über die Nominierung, denn es war meine erste persönliche, und der Film liegt mir sehr am Herzen. Und dass Menschen meine Arbeit gut finden, ehrt mich, und das freut mich wirklich. Ich sehe Preise aber nicht als das Nonplusultra.

Women at Work: Und was machen Sie, wenn es keine Rollenangebote mehr gibt? Doch weiter Pharmazie studieren? Sie wollten ja ursprünglich Apothekerin werden, und das ist auch ein schöner Beruf.

Sturm: Ja, das habe ich ja versucht. Meine Familie hatte ja eine Apotheke, und ich sollte die Familientradition fortsetzen. Das ist natürlich ein gemachtes Nest, so eine Apotheke, wenn man gut ist und was von Pharmazie versteht: Ja, super! Aber während des Studiums habe ich gemerkt, dass mir dieses Fach nicht liegt, dass ich dafür einfach zu schlecht bin. Bei meinen Versuchen ist ja alles explodiert, alles in die Luft gegangen, weil man da total genau sein muss und nicht alles Pi mal Daumen abmisst wie beim Backen. Nicht so: Ach, pfff.

Women at Work: Sie haben dann Ihrem Professor gesagt: „Ich habe eine gute Nachricht für uns beide!“

Sturm: Genau.

Women at Work: „Ich höre auf.“

Sturm: Ja, das war auch wirklich eine gute Entscheidung, denn noch heute graust mir bei dem Gedanken, ich müsste mich jeden Tag in eine Apotheke stellen. Letztendlich war es auch eine gute Nachricht für die Kunden, die zu mir gekommen wären und mich gefragt hätten: Kann ich die beiden Medikamente miteinander kombinieren? Und ich hätte gesagt, schauen Sie halt mal auf die Packungsbeilage. Deshalb bin ich in meinem jetzigen Job auch viel besser aufgehoben.


Betty arbeitet als freie Journalistin und ist Herausgeberin im Verlag Berliner Journalisten. Im Ullstein-Verlag veröffentlichte sie drei Sachbücher zu den Themen Europa, Verbraucherrecht und der Gleichstellung allein erziehender Mütter.

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