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Urlaubserlebnis Trophäenjagd? Wie eine Industrie den Erhalt von Tierarten gefährdet
Urlaubserlebnis Trophäenjagd? Wie eine Industrie den Erhalt von Tierarten gefährdet

Quelle: Adam Peyman / HSI

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Urlaubserlebnis Trophäenjagd? Wie eine Industrie den Erhalt von Tierarten gefährdet

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Kaum zu glauben: Die Trophäenjagd ist für manche Menschen ein „großartiges“ Urlaubserlebnis. Sie bereisen ferne Länder, um aus reinem Vergnügen exotische und gefährdete Tierarten zu schießen und die toten Tiere dann als Trophäe mit nach Hause zu bringen. Lampen aus Giraffenbeinen, Tische aus Elefantenfüßen oder Flusspferd-Schädel als Wanddeko – all das darf immer noch nach Deutschland importiert werden. Glaubt ihr nicht? Leider ist es eine traurige Wahrheit, dass zwischen 2014 und 2020 mehr als 5.400 Trophäen international geschützter Arten nach Deutschland eingeführt wurden. Und das ist noch nicht alles. Beim Import von Jagdtrophäen geschützter Tierarten ist Deutschland trauriger Europameister und sogar Vize-Weltmeister, nur die USA importieren mehr Jagdtrophäen.

Nashörner, Löwen, Elefanten, Zebras, Leoparden, Bären und Giraffen stehen ganz oben auf der „Wunschliste“ der Menschen, die aus Spaß am Töten zur Waffe greifen. Und die Liste der Tiere, die besonders gefragt sind, ist lang.

Auf der Pirsch mit großkalibrigen Waffen, Pfeil und Bogen oder Armbrust

Die Großwildjäger*innen lassen es sich gut gehen: Jagdreisen all-inclusive für bis zu 330.000 Euro mit Abschussgarantie für besonders seltene und vom Aussterben bedrohte Tiere. Mit großkalibrigen Waffen, aber auch mit Pfeil und Bogen oder Armbrust, sind sie auf der Pirsch, für den Todesschuss auf Elefanten, Löwen, Nashörner, Giraffen, Leoparden und Zebras. Aber auch Bären, Wölfe und Luchse sind nicht vor ihnen sicher. Auch hier gehören die Deutschen Jäger*innen zu den Spitzenreitern: 208 Trophäen von Braunbären und 128 Grauwolf-Trophäen importierten sie zwischen 2014-2020. Etliche Löwen werden sogar in Gehegen ohne Fluchtmöglichkeit abgeschossen – auch ohne Jagdschein. Deutschland importierte allein in den letzten beiden Jahren 31 Trophäen dieser mächtigen Großkatze.

Afrikanische Elefanten / (c) Cathy and Mike Smith

Bei der Trophäenjagd geht es nicht um Artenschutz und die Erhaltung der Biodiversität

Nach einem „erfolgreichen“ Urlaub tragen die Rückkehrer ihre Leistungen in Rekordbücher ein, die von Trophäenjagd-Mitgliedsorganisationen wie Safari Club International geführt werden, die Punkte für das Erlegen der größten Tiere vergeben. Jedes Jahr werden die Rekordhalter gefeiert.

Klar ist, dass es bei der Trophäenjagd nicht um Artenschutz und die Erhaltung der Biodiversität geht, sondern um eine selbstherrliche und egoistische Tat, die das Überleben geradezu ikonischer Tiere dieses Planeten bedroht. Und was hält die deutsche Bevölkerung davon? Nichts. Dies zeigen repräsentative Umfragen* seit Jahren. Neun von zehn befragten Menschen in Deutschland unterstützen ein Importverbot von Jagdtrophäen.

Zwischen 2014 und 2018 wurden fast 15.000 Jagdtrophäen in die EU importiert

Nicht nur Deutschland als trauriger Europameister, sondern auch andere Länder spielen in dieser für Wildtiere tödlichen Liga schussgewaltig mit. Die international arbeitende Tierschutzorganisation Humane Society International/Europe (HSI) hat zur Rolle Europas bei der Trophäenjagd einen Bericht* mit einer erschreckenden Bilanz veröffentlicht: Zwischen 2014 und 2018 wurden fast 15.000 Jagdtrophäen von 73 international geschützten Tierarten in die EU importiert. Das entspricht einem Durchschnitt von fast 3.000 Trophäen pro Jahr, darunter Afrikanische Löwen, Afrikanische Elefanten und vom Aussterben bedrohte Spitzmaulnashörner. Auch Zebras, Geparden, das potenziell bedrohte Argali-Schaf und als gefährdet eingestufte Eisbären wurden eingeführt. Jedes Land hat da seine “Favoriten“.

Women-Power: Bei HSI sind alle europäischen Landesführungen mit engagierten Frauen besetzt

Seit letztem Jahr macht Humane Society International mit der öffentlichkeitswirksamen Kampagne #NotInMyWorld europaweit mobil, um die Menschen zu erreichen und die Politik zu bewegen. Im Fokus steht dabei ein Importverbot von Jagdtrophäen geschützter Tierarten in der EU. Frauen spielen dabei und bei HSI eine zentrale Rolle, denn alle europäischen Landeschefinnen sind leidenschaftliche Tierschützerinnen und mit Herz und Power engagiert.

Martina Pluda, Landesdirektorin für HSI in Italien: „Als junges Mädchen habe ich in Kenia gelebt und  mich in die Schönheit seiner Landschaften und seiner Tierwelt verliebt. Für deren Schutz setze ich mich nun ein. Auch Italien ist ein trauriger Rekordhalter in Sachen Jagdtrophäen geschützter Arten in der EU: Als größter Importeur von Flusspferdtrophäen, viertgrößter Importeur wildlebender afrikanischer Löwen und fünftgrößter von afrikanischen Elefanten-Trophäen und dem vom Aussterben bedrohten Spitzmaulnashorn.

Angesichts der weltweiten Krise der biologischen Vielfalt ist dieses grausame Hobby reicher Eliten unverantwortlich. Ein Importverbot von Jagdtrophäen in der EU würde wirksam zu einer Reduzierung der Trophäenjagd beitragen. Deshalb setze ich mich dafür ein, dass auch Italien konkrete Maßnahmen ergreift und sich von dieser schädlichen und kolonialen Praxis distanziert.”

Martina Pluda, Landesdirektorin Italien / (c) Giovanni Tesei

Iga Glazewska, Landesdirektorin Polen / (c) The Associated Press

Iga Glazewska, Landesdirektorin für HSI in Polen:

“In Polen sind vor allem Jagdtrophäen von Braunbären gefragt. Sie sind in Polen geschützt, können aber in Russland legal und günstig erschossen werden. Nachdem HSI öffentlichkeitswirksam darauf aufmerksam gemacht hat, rät der polnische Jagdverband nun von Trophäenjagdreisen nach Russland ab. Polen ist leider auch der zweitgrößte EU-Importeur von in Gefangenschaft gezüchteten Löwentrophäen.

Es ist ein großes Privileg, sich für Millionen von stimmlosen und unterdrückten Tieren einsetzen zu können. Als ich Jura studierte, um Anwältin im Dienst der Tiere zu werden, bewunderte ich die Arbeit von HSI und wie sie bereits Schritt für Schritt die Welt für alle Tiere verändert haben. Ich könnte also nicht stolzer und glücklicher sein, die Organisation in meinem Heimatland zu leiten, wo es noch so viel zu tun gibt.

Eine Kollegin gab mir für schwierige Momente einen guten Rat: “Stelle Dir vor, dass alle Tiere, für deren Schutz wir arbeiten, hinter dir stehen und dir Kraft geben.”Dies ist mein täglicher Ansporn!

Durch menschliches Handeln sind mehr Arten als je zuvor vom Aussterben bedroht

Trophäenjäger*innen töten besonders imposante Tiere und eliminieren damit genau die Schlüsselindividuen, die für gesunde Bestände wichtig sind. Gerade bei bereits in ihren Beständen dezimierten und bedrohten Arten ist diese selektive Bejagung für Trophäen fatal.

Die direkte Ausbeutung von Tieren, einschließlich der Trophäenjagd, ist der zweitwichtigste Treiber für den Verlust der biologischen Vielfalt. Fakt ist: Durch menschliches Handeln sind mehr Arten als je zuvor vom Aussterben bedroht.

Vor dem Hintergrund dieser Tatsachen ist es schwer nachvollziehbar, dass es in Deutschland noch immer erlaubt ist, Jagden auf bedrohte und geschützte Tierarten bei Jagdmessen anzubieten und ihre Trophäen zu importieren.

Glücklicherweise gibt es hier positive Signale: Nachdem die Ethik-Gruppe der Weltnaturschutzunion (IUCN) Ende März 2022 die deutsche Regierung in einem Brief aufgefordert hatte, die Einfuhr von Jagdtrophäen aus ethischen, ökologischen und rechtlichen Gründen zu beenden, kündigte Umweltministerin Steffi Lemke Maßnahmen für Importbeschränkungen an.  Dass den Worten auch Taten folgen, dafür setzt sich HSI auf vielen Ebenen ganz konkret ein.

Vertrauen ist gut, Fact-checking ist besser!

Die Lobby der Trophäenjäger*innen agiert geschickt. In Öffentlichkeitskampagnen pflegen professionell auftretende und vermeintlich vertrauenswürdige Vertreter*innen falsche Behauptungen, die teilweise auch von der Presse unkritisch aufgenommen werden. Trophäenjagd sei ein Beitrag zum Artenschutz und zur Armutsbekämpfung, heißt es da, sie ziele nur auf überflüssige Tiere, schütze vor Wilderei, finanziere Schutzgebiete und sei streng reguliert, nachhaltig und ethisch akzeptabel… um nur einige Scheinargumente zu nennen. Die PR-Maschine läuft gerade jetzt, nach der Ankündigung des Ministeriums, auf Hochtouren,  doch ein aktuelles Faktenpapier* der führenden Tier- und Artenschutzverbände Deutschlands widerlegt wissenschaftlich basiert  diese Mythen.

Eine Studie zeigt, dass z.B. in Namibia – Ziel der meisten deutschen Jagdtourist*innen – über 97 % der Tiere auf privaten Farmen geschossen werden. Auch aktuelle Medienberichte aus Botswana belegen, wie sich wohlhabende Unternehmer*innen an der Jagd auf die letzten großen Elefantenbullen Afrikas bereichern und gleichzeitig Naturschutzerfolge aufs Spiel setzen. Die Behauptung, die Trophäenjagd sei eine existenzielle Einnahmequelle für die Menschen in lokalen Gemeinden, während sich Jagdreiseanbieter*innen, Farmbesitzer*innen und lokale Eliten die Taschen füllen, ist eine Farce. Vielmehr zementiert die Trophäenjagd, als Teil des kolonialen Erbes, Abhängigkeiten und strukturelle Ungerechtigkeiten und macht ebenso wie früher die Bereicherung Einzelner auf Kosten aller möglich. Die Trophäenjagd hat in einer zukunftsfähigen Gesellschaft, die die Herausforderungen unserer Epoche ernst nimmt, nichts zu suchen und scheint aus der Zeit gefallen zu sein.

Team Deutschland von HSI_ volle Frauenpower fuer ein Importverbot in Deutschland

Das HSI-Team in Deutschland: Starke Frauen für ein Importverbot in Deutschland | v.l.n.r.: Eva-Maria Heinen, Sylvie Kremerskothen Gleason, Adeline Fischer

Nachhaltige und zeitgemäße Strategien auch zum Vorteil für die lokalen Gemeinschaften

Es ist absurd, dass die Trophäenjäger*innen weiterhin behaupten, dass der Abschuss schutzbedürftiger Tiere das beste Mittel für deren Schutz sein soll. Es gibt nachhaltigere und zeitgemäße Strategien, auch zum Vorteil für die lokalen Gemeinschaften. Ein Report aus dem Jahr 2017 zeigt, dass die Darstellungen zum Nutzen der Trophäenjagd absolut überbewertet werden. In acht afrikanischen Ländern trägt die Trophäenjagd höchstens 0,03 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) bei und macht weniger als ein Prozent der Jobs im Tourismus aus. Gerade im Rahmen der viel diskutierten Wirtschaftlichkeit zeigt sich also, dass die ökonomische Relevanz der Trophäenjagd äußerst gering ist.

Hinzu kommt, dass sich auch die südafrikanische Bevölkerung gegen diesen grausamen Zeitvertreib ausspricht. Eine neue Umfrage*  zeigt, dass 68% der Südafrikaner*innen die Trophäenjagd ablehnen – ein Anstieg von 12% gegenüber 2018.

Kameras statt Gewehre

Naturnaher Tourismus und die Fototourismusbranche leisten einen wesentlich größeren Beitrag für die lokale Wirtschaft und sind deutlich nachhaltiger im Sinne des Artenschutzes als das Geschäft mit toten Tieren: Schon jetzt reisen 80 % der Touristen für Tierbeobachtungen nach Afrika.

Trophäenjäger*innen hingegen untergraben den Wildtiertourismus als wichtigen Wirtschaftsfaktor, da sie genau jene Wildtiere erlegen, für deren Anblick Fototourist*innen bereit sind, zu bezahlen. So generiert beispielsweise ein Elefant im Laufe seines Lebens durch Fototourismus durchschnittlich 1,6 Millionen USD, während Jagdanbieter*innen ihn für durchschnittlich 30.000 bis 40.000 USD zum Abschuss verhökern – ein Millionen-Verlustgeschäft!

Hinzu kommt, dass die Vermarktung von Trophäenjagden das Risiko birgt, einen erheblichen Imageschaden für Reiseländer zu verursachen, der auch entsprechende wirtschaftliche Verluste nach sich ziehen kann.

Laut einer kürzlich veröffentlichten Umfrage, sind 84 % der internationalen Touristen der Meinung , dass die südafrikanische Regierung dem wildtierfreundlichen Tourismus Vorrang vor der Trophäenjagd einräumen sollte, und 72 % würden von einem Besuch des Landes ganz absehen.

Wilde Grizzlybären im Yellowstone-Nationalpark in Wyoming / (c) Don Getty

Wilde Grizzlybären im Yellowstone-Nationalpark in Wyoming / (c) Don Getty

Warum ist ein Importverbot von Jagdtrophäen so wichtig?

Das Bewusstsein in der Gesellschaft für einen ethischen Umgang mit Tieren hat in den letzten Jahren stark zugenommen, und dass die direkte Ausbeutung von Tieren, einschließlich der Trophäenjagd, der zweitwichtigste Treiber für den Verlust der biologischen Vielfalt ist, ist moralisch nicht mehr vertretbar.

Die Öffentlichkeit ist derselben Meinung: Eine repräsentative Umfrage zeigt, dass 85% der Befragten* in Deutschland die Trophäenjagd auf international geschützte Tiere für nicht vertretbar halten. Hier ist eine Politik gefragt, die auf die moralischen Werte der Bevölkerung reagiert und gesetzgeberisch aktiv wird.  Ein Importverbot für Jagdtrophäen geschützter Arten ist das Ziel von HSI. Die Überlegung dahinter: Dürfen Stoßzähne, Löwenköpfe, Elefantenfüße, Bären- und Zebrafelle nicht mehr ins Land, wird die Jagd auf diese Tiere unattraktiver und damit deutlich abnehmen.

Join the Movement* heißt die Bewegung, in der sich alle Befürworter*innen engagieren können und von HSI über den Fortschritt der Kampagne auf dem Laufenden gehalten werden.

Und wie sehen es die anderen europäischen Länder?

Erste Erfolge stellen sich ein und in einigen Ländern in Europa gibt es konkrete Gesetzesinitiativen. Die Niederlande und Frankreich waren die Vorreiter dieses Paradigmenwechsels und haben schon vor Jahren ein Einfuhrverbot für Trophäen von bestimmten geschützten Arten erlassen. Das belgische Parlament hat die Regierung offiziell dazu aufgefordert, keine Einfuhrgenehmigungen mehr zu erlassen, in Italien wurde auf Initiative von HSI ein Gesetzentwurf zum Verbot der Ein- und Ausfuhr von Jagdtrophäen geschützter Arten präsentiert, und das Vereinigte Königreich hat sich zu einer der weltweit strengsten Maßnahmen verpflichtet, die die Einfuhr von Jagdtrophäen von über 7.000 geschützten Arten verbietet. Auf EU-Ebene hat HSI/Europe die EU-Kommission aufgefordert, Verantwortung zu zeigen und eine führende Rolle einzunehmen, indem sie ein einheitliches Konzept zur Beschränkung der Einfuhr von Jagdtrophäen in die EU erarbeitet.

Die deutsche Politik kann zum Vorreiter des ethischen Artenschutzes werden.

Deutschland hat in der Welt eine Position, die verantwortungsvolles und weitsichtiges Handeln erfordert.  Klientelpolitik hat hier keinen Platz. Es gilt nun, Konzepte zu entwickeln, die die Abhängigkeitsstrukturen der Trophäenjagdindustrie ersetzen und nachhaltige und moralisch vertretbare Wege aufzeigen, die die Menschen vor Ort mitgestalten und ihnen zukunftsweisende Entwicklungs- und Wachstumsprojekte ermöglichen, in der auch die Tiere und die Natur ihren Platz finden.

Das Umweltministerium hat nach vielen Jahren nun erstmals angekündigt, dass es die Importpraxis überdenken und einschränken will. Auch hier ist mit Ministerin Steffi Lemke eine Frau wichtiger Impulsgeber, der das Thema am Herzen liegt. Sie kann den Weg ebnen und Deutschland weltweit auch in dieser Hinsicht als Vorreiter positionieren.  Ihr ist jeder Erfolg zu wünschen – auf die Unterstützung von HSI und der überragenden Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger in Deutschland ist dabei Verlass.

* Um eine Vielzahl an Inhalten anbieten zu können, finanzieren wir das Blogazin durch Sponsoren. So bleiben die Artikel für unsere Leser weiterhin kostenlos. Dieser Beitrag entstand in freundlicher Kooperation mit HSI


Die Autorin Sylvie Kremerskothen Gleason ist Country Director für Deutschland der Humane Society International/Europe (HSI)

  1. As a photographer I support “Cameras instead of rifles”. And thank you for using my grizzly bear photo in this article.

    19 September

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