Nachgefragt: Sonia Mikich

Interview des Monats - Sonia Mikich

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Beim Thema Flüchtlingskrise scheiden sich die Geister. Angela Merkel sagt: „Wir schaffen das“, Horst Seehofer: „Mehr geht nicht.“ Was könnte uns beim Lösen dieses gordischen Knotens mehr helfen – Fakten oder Meinung? Das ist nicht nur bei diesem Thema die alles entscheidende Frage.

Women at Work: Wir erleben gerade stürmische Zeiten, in denen kein Tag wie der andere ist und niemand weiß, was uns der nächste an Nachrichten bringt. Trotzdem präsentieren uns die öffentlich-rechtlichen Anstalten zur besten Sendezeit und ohne Quotendruck Florian Silbereisen, Anke Engelke oder „Unser Traum von Kanada“ zur besten Sendezeit. Ist das der aktuellen Situation angemessen?

Sonia Mikich: Das ist eine häufige Kritik, die dann im Detail aber nicht ganz so redlich ist. Die Informationsangebote werden fortlaufend erweitert und vertieft: Ukraine-Krise, Griechenland-Krise, Banken-Krisen, Erosionserscheinungen innerhalb der EU, Terrorgefahr vor der Haustür und weltweit, Rechtsruck in verschiedenen Ländern, Flüchtlingspolitik, Krieg in Syrien – was wäre vergessen oder versteckt worden? Gewiss, wir Öffentlich-Rechtlichen haben ebenfalls den Auftrag zu unterhalten, Shows, die Ihnen und mir vielleicht nicht wichtig sind, gefallen anderen. Auch dafür zahlen viele Menschen ihre Gebühren. Mich stört das Entweder-Oder-Denken mancher Kritiker, ich plädiere für ein Und. In der Überzeugung, dass gerade eine fundierte Informationsbeschaffung zu den Überlebensgarantien des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gehört.

Die Kolleginnen und Kollegen sind im letzten Jahr viele Extrameilen gegangen, um politische Entwicklungen darzustellen, einzuordnen und zu bewerten. Dazu gehören Brennpunkte zur besten Sendezeit, zusätzliche Ausgaben der Talkshows, zusätzliche Kurzdokus der Auslandsredaktionen (Weltspiegel extra), lange Livestrecken (zum Beispiel beim Terror in Paris). Schauen wir uns nur mal den Anteil der Auslandsberichterstattung in den Abendnachrichten von ARD und ZDF in den Jahren 2012 bis 2014 an: Der ist von 25 Prozent auf 32 Prozent gestiegen. In unseren dritten Programmen arbeiten wir große gesellschaftspolitische Themen auf – durch Gesprächssendungen wie zum Beispiel die WDR-Arena. Als Journalistin, als ehemalige Auslandskorrespondentin, bin ich jedenfalls zufrieden mit dieser Konjunktur des Relevanten.

The world is a mess*, und wir sind zum Aufräumen, Sortieren, Einordnen da. Wenn wir richtig gut sind, dann auch noch, um die Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen, den gesellschaftlichen Diskurs voranzutreiben. Die Globalisierung der Probleme ist unsere Herausforderung, und alles hängt mit allem zusammen. Unser Publikum, on- und offline, fordert von uns Beschreibungen und Erklärungen. Dies ist die Zeit der vernetzten, recherchierten, nachhaltigen, kritischen Berichterstattung. Sie ist im Konjunkturhoch, und ich glaube, das wird sehr lange so bleiben.

Women at Work: Kritiker der Presse sagen, dass sich Journalisten in Deutschland als Meinungslenker betätigen würden, während sich etwa angelsächsische Journalisten als Nachrichtengeber sehen. Wir hätten gern mehr davon. Sie auch?

Mikich: Bei den großen US-Zeitungen und TV-Networks weiß man sehr wohl, welche Grundhaltung die Arbeit der Journalisten prägt, schauen Sie mal Faktenverbreitung bei Fox im Vergleich zu CNN an. Oder lesen Sie mal Artikel im Guardian zum Brexit im Vergleich zu The Telegraph. Die Aufarbeitung von harten Fakten sowie Statistiken und die Auswahl von Bildern und Interviews sind nie eine sterile, völlig neutrale Angelegenheit. Selektion, Fokus, Platzierung spielen eine sehr große Rolle und lassen durchaus Prioritäten der Macher erkennen, wahrscheinlich auch deren Haltung. Aber: Wir Journalisten sollten niemandem unsere Haltung aufdrängen Was also tun? Die journalistische Arbeit transparent machen, Perspektivwechsel anbieten, Quellen nennen. Meinungen müssen klar gekennzeichnet sein. Berichte wiederum haben eine Faktenbasis, so gut und ergebnisoffen wie es geht. Wir können auch kenntlich machen, was wir nicht wissen. Eigentlich selbstverständlich. Selbstreflexion und Selbstkritik tun unbedingt not. Ich finde es auch nicht so schlecht, unser Publikum zur Skepsis anzuregen: WER will, dass ich WAS glaube und WARUM? Das ist mein Credo gegenüber allen Machtstrukturen.

Women at Work: Es gibt Kollegen, die sagen, Journalisten sollten die sozialen Netzwerke für den Meinungsaustausch nutzen und sich im Radio, Fernsehen, den Printmedien und auf journalistischen Plattformen auf harte Fakten konzentrieren. Wäre das ein möglicher Weg?

Mikich: Nein, ich bin gegen eine solche Arbeitsteilung. Die Sozialen Medien bieten die Chance, uns mit unserem Publikum, mit Kollegen, mit interessanten Zeitgenossen auszutauschen. Wunderbar, das kann man intensiv betreiben, wir können Scharniere von Kommunikation sein. Aber dieser Diskurs gehört auch in die linearen Medien, er muss Bestandteil vom normalen Programm sein. Ich finde es bereichernd, wenn Dunja Hayali im ZDF-Morgenmagazin Pegida-Demonstranten aufsucht oder ein Reporter unseres ARD-Frühstücksfernsehens Fundamentalkritiker einlädt, um sich ein Bild vom Alltag einer Redaktion zu machen. Wir lernen viel, wenn wir Zuschauer zu unseren Gesprächs-Arenen des WDR einladen, damit sie ihre Fragen stellen können. Aber wir wollen auch nicht vergessen, dass es zutiefst asoziale Medien gibt, die falsche Fakten verbreiten, Hetze betreiben, verunsichern. Und eine sehr laute, radikale Minderheit kann den Eindruck erwecken, dass wir in einer Meinungsdiktatur leben. So ist es halt: In allen Medien, auf allen Verbreitungswegen findet eine Unterhaltung der Gesellschaft mit sich selbst statt. Das Netz ist nur so gut, wie wir es klug nutzen.

Women at Work: Wer das Internet für seine Recherchen nutzt, hat erkannt, dass die Welt, wie sie von den Massenmedien präsentiert wird, immer weniger mit jener Welt zu tun hat, in der wir tatsächlich leben. Der Hauptbahnhof Köln liegt nur zehn Gehminuten vom WDR entfernt, und man wollte nach den Ereignissen der Silvesternacht erst die Pressekonferenz zwei Tage später abwarten. Müssten es sich die öffentlich-rechtlichen Sender nicht auf die Fahnen schreiben, mit ihrer Berichterstattung vor allen anderen und schneller für Klarheit zu sorgen, zumal ihre personellen und finanziellen Ressourcen ausreichend sind?

Mikich: Zunächst vorweg: Ich möchte, dass wir die Schnellsten UND die Zuverlässigsten sind. Ein Scoop ist etwas sehr Befriedigendes, ja, aber nicht das einzige Kriterium.

Haben wir die Silvesternacht tagelang verpeilt, wie Sie es sagen? Da lohnt sich ein genauerer Blick: Erste Hinweise über die Ereignisse in der Silvesternacht gab es an den beiden nächsten Tagen. WDR.de berichtete am Samstag nach einer eigenen Recherche von 30 betroffenen Frauen – übrigens bevor die Polizei die erste Meldung zu den sexuellen Übergriffen veröffentlichte –, unsere Radio-Wellen stiegen mit ein. Am Sonntag dann wurde das mutmaßlich nordafrikanische Aussehen vom WDR thematisiert. Noch gab es keine Belege zum Ausmaß, darum Lokalberichterstattung. Am Montag verbreiterte sich dann die Informationslage, unter anderem auf der Grundlage von Fakten und Zeugenaussagen. So wie man das üblicherweise als Zuschauer, Leser oder Nutzer auch fordert. Gründlichkeit! Zu berichten, nachdem recherchiert wurde, wenn sich die Ergebnisse verdichten, sich verifizieren lassen – ist das allen Ernstes zu hinterfragen? „Steht doch im Internet …“ kann nicht Ersatz für Recherche sein! Deshalb möchte ich Ihre Formulierung, dass die Welt, wie sie die Massenmedien präsentieren, immer weniger mit jener Welt zu tun hat, in der wir leben, auch kritisieren. Was ist denn Wirklichkeit? Wer steckt hinter Informationen, die sich im Netz verbreiten? Ist das Rauschen überhaupt gerechtfertigt? Ist ein Ereignis wirklich groß? Ist ein Bild echt? Ist die Quelle zuverlässig? Diese Diskussion führen wir schon lange, werden sie weiterführen. Und deswegen manchmal nicht die Ersten sein. Dass wir uns kostbare Zeit für Recherche nehmen, hat nicht mit Vorgaben oder Anweisungen von oben zu tun. Bei der Silvesternacht kam etwa der absurde Vorwurf, dass wir die Herkunft der Täter verschleiern wollten, auf Befehl der Regierung.

In der Kakophonie des Netzes gibt es halt viele Geräusche und Misstöne. Es darf gelogen, überspitzt und manipuliert werden – ohne Absenderangabe. Dagegen bieten wir eine Adresse in der realen Welt, uns zieht man ganz selbstverständlich und berechtigt zur Verantwortung, wenn wir lückenhaft berichten, Fehler machen. Ja, das ist alles anstrengend, denn wir arbeiten unter einem Geschwindigkeitsdiktat und mit dem Echoraum des Internets. Und mit dem Bedürfnis, 24/7 Infos zu senden. Aber dafür bekommen wir unser Geld und haben gute Ressourcen. Dass unser Publikum Vertrauen in uns behält – existenziell wichtig!

 

Es schmerzt mich, wenn wir als Lügner diffamiert werden, das berührt die berufliche und persönliche Ehre. Darum ein kleiner Schlussgedanke. Ich will mich nicht von Quoten, Likes, Rankings, Votings oder Postings und Tweets kirre machen lassen. Kritik tut gut, tut not, sie muss uns willkommen sein – und sie ist es! Und da sehe ich unterschiedliche Gruppen von Kritikern: die wohlwollend Besorgten und die Fordernden, die zu Recht verlangen, dass wir einen qualitativen Mehrwert bringen. Und es gibt die Besserwisser, die Lobbyisten, die Zwangsgebührenhasser und auch die Enttäuschten. Allen gehört Aufmerksamkeit, wir müssen zuhören! Aber nicht jede kritische Aufwallung ist konstruktiv oder akzeptabel. Der Empörungsdemokratie möchte ich unser Bestes entgegensetzen: unsere Rechenschaftspflicht.

  • * Die Welt ist ein einziges Durcheinander
  • ** Die Abkürzung steht für 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche

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Betty arbeitet als freie Journalistin und ist Herausgeberin im Verlag Berliner Journalisten. Im Ullstein-Verlag veröffentlichte sie drei Sachbücher zu den Themen Europa, Verbraucherrecht und der Gleichstellung allein erziehender Mütter.

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