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Engagiert, teamfähig, kompetent? Willkommen bei de...

Engagiert, teamfähig, kompetent? Willkommen bei der Deutschen Bahn!

Engagiert, teamfähig, kompetent? Willkommen bei der Deutschen Bahn!

Quelle: Bernd Lammel

 

Interview mit Dr. Semra Celik, Leiterin Personalentwicklung bei der DB Services GmbH

Die Deutsche Bahn hat weltweit mehr als 300.000 Mitarbeiter. In Deutschland sind es rund 200.000. In 500 Berufsbildern Fachpersonal zu finden, wird auch für das Unternehmen Deutsche Bahn schwieriger. Wir sprachen mit der Leiterin Personalentwicklung bei der DB Services GmbH, Dr. Semra Celik, über die Anforderungen bei einer Bewerbung, warum sich Frauen in Männerberufen durchsetzen können, über die Ausbildungschancen bei der Bahn und über ihren eigenen Werdegang im Unternehmen.

WAW: Sie hatten vor knapp zehn Jahren den Mut, sich bei der Deutschen Bahn zu bewerben. Erzählen Sie unseren Leserinnen, wie Sie ins Unternehmen gekommen sind.

Celik: Das ist eine schöne Geschichte. Ich bin durch einen Bericht in der „Tagesschau“ auf die Bahn aufmerksam geworden. Ich dachte: Das ist ein interessantes Unternehmen. Deshalb wollte ich kurz vor Abschluss meiner Promotion nachfragen, ob es dort auch Bedarf für eine Geisteswissenschaftlerin gibt. Ich habe mich auf der Karriere-Website der Bahn informiert und gesehen, dass dort fast ausschließlich Betriebswirte, Wirtschaftsingenieure oder Psychologen gesucht wurden. Ich habe in der Recruiting-Abteilung angerufen und gesagt: Ich bin Germanistin und kann etwas. Habt ihr Interesse mich kennenzulernen? Der Kollege hatte zunächst gelacht, mich aber freundlich ermutigt, eine Bewerbung zu schreiben. Zwei Wochen später hatte ich ein Bewerbungsgespräch im Bereich Sozialpolitik und mir wurde zunächst ein Praktikum angeboten. Fünf Wochen später wurde mir gesagt, ich könne als Trainee bleiben. Es lohnt sich also, zu fragen und selbstbewusst zu sein.

WAW: Sie wurden weiter gefördert?

Celik: Mich hat überrascht, wie viel Unterstützung ich erhielt. Als Trainee wurde mir ein Mentor zur Seite gestellt. Er hat mich im Unternehmen vorgestellt, ich wurde in Netzwerke eingebunden und nach dieser Phase bekam ich einen Arbeitsvertrag als Assistentin im Vorstandsbüro. Als Germanistin konnte ich schreiben und Reden vorbereiten. Ich blieb ein Jahr im Büro von Margret Suckale, der damaligen Personalvorständin der DB. Sie hat mir empfohlen, postgradual einen Master of Business Administration (MBA) zu machen. Die Bahn hat mich in jeder Hinsicht unterstützt.

WAW: Wie lange dauerte das Studium und wie nennt sich ihre Tätigkeit heute?

Celik: Ich habe zwei Jahre an der Handelshochschule Leipzig studiert. Heute bin ich Leiterin Personal- und Führungskräfteentwicklung bei der DB Services GmbH.

WAW: Wofür sind Sie zuständig?

Celik: Die DB Services GmbH ist innerhalb der Bahn für das Facility Management zuständig. Wir sind mit rund 6000 Mitarbeitern für die Reinigung in den Gebäuden und Zügen zuständig. Darüber hinaus beschäftigen wir etwa 3000 Servicetechniker, u.a. für die Wartung und Instandhaltung der Automatisierungs-, Elektro- und Fördertechnik. In meiner Funktion erarbeite ich mit meinem Team alle übergreifenden Strategien und Konzepte zur Befähigung unserer Mitarbeiter und Führungskräfte. Darüber hinaus liegt auch das Thema Veränderungsbegleitung in meiner Verantwortung.

WAW: Die Bahn ist einer der größten Ausbildungsbetriebe des Landes. In der Ausbildung und den angewandten Berufen beträgt der Frauenanteil 23 Prozent. Hängt diese Quote noch mit den klassischen Männerberufen der Bahn zusammen, die von körperlich harter Arbeit getragen waren, oder gibt es zu wenige Bewerberinnen?

Celik: Die Deutsche Bahn bietet jedes Jahr Ausbildungsplätze für weit über 3000 Auszubildende an. Die meisten Angebote gibt es im technischen Bereich und dort ist es leider immer noch so, dass sich vornehmlich junge Männer bewerben – obwohl wir im Recruiting aktiv Mädchen und junge Frauen darin bestärken, zu uns zu kommen. In den Motiven unserer Kampagnen sprechen wir deshalb bei technischen Berufen Frauen und Männer gleichrangig an. Aber wie in anderen Branchen ist die Bahn ein Abbild der Gesellschaft und es sind in Deutschland in gewerblich-technischen Berufen mehr Männer als Frauen unterwegs.

WAW: Inzwischen interessieren sich viele Schülerinnen für MINT-Fächer. Was tut die Bahn, um das Interesse junger Frauen zu wecken?

Celik: Wir haben an vielen Standorten Schul-Kooperationen. An Berufsschulen und anderen Bildungseinrichtungen stellen wir unsere Berufsbilder vor und sagen ganz deutlich, dass junge Frauen sehr willkommen sind. Wir ermutigen sie, sich etwas zuzutrauen. Oft geht es nicht ums Können, sondern darum, sich in eine Männerdomäne zu trauen. Es fehlt beispielsweise die Vorstellung, in einem ICE-Werk unter Männer zu arbeiten. Wir wollen an den Tagen der „Offenen Tür“ in unseren Betrieben wie zum Beispiel in Stellwerken, Frauen Mut machen, sich zu bewerben. Und wir engagieren uns beim „Girls‘ Day“, damit Mädchen unsere Berufe kennenlernen.

WAW: Viele Unternehmen gehen zunehmend auf Schüler und Studenten zu, um sie mit Übernahmezusagen oder materiellen Angeboten frühzeitig zu binden. Schaffen Sie ebenfalls solche Anreize?

Celik: Ja, bei der Bahn gibt es eine Übernahmegarantie für Auszubildende und Dual Studierende, wobei natürlich ein erfolgreicher Abschluss Voraussetzung ist Das ist ein toller Ansporn für Auszubildende, wenn sie wissen: Wer gute Leistungen bringt, ist herzlich willkommen. Und erhält einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Das heißt, wer diesen Weg bei der DB geht, dem bieten wir sehr gute Rahmenbedingungen.

WAW: Können Sie das konkretisieren?

Celik: Neben der Ausbildungsvergütung bekommen Auszubildende einen Mietkostenzuschuss, wenn ihre Ausbildung nicht am Heimatort stattfindet. Hinzu kommen freie Arbeitstage für Prüfungsvorbereitungen. Und wir haben eine Reihe von Projekten, zu denen wir Auszubildende einladen, wie zum Beispiel das Bahnprojekt „Bahn Azubis gegen Hass und Gewalt“, in dem sich Auszubildende gegen Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung engagieren.

WAW: Welche Eigenschaften müssen Frauen mitbringen, um in traditionellen Männerdomänen zu arbeiten?

Celik: Ich würde zwischen persönlichen und fachlichen Eigenschaften unterscheiden. Wenn eine junge Frau in einen elektronischen Beruf einsteigen und beispielsweise Mechatronikerin werden will, muss sie die fachliche Kompetenz mitbringen, sich in diesem Fach zu beweisen. Darüber hinaus sind Neugier und Mut gute persönliche Eigenschaften. Denn wer viel fragt und wissbegierig ist, wird sich auch in männerdominierten Teams durchsetzen und gut aufgenommen.

WAW: Führen Sie selbst noch Bewerbungsgespräche?

Celik: Nur noch, wenn ich für meinen eigenen Bereich Mitarbeiter suche.

WAW: Worauf legen Sie besonderen Wert? Was möchten Sie von einer Bewerberin oder einem Bewerber erfahren?

Celik: Ich schaue mir das Bewerbungsschreiben an. Es muss mich ansprechen und etwas von der Persönlichkeit des Bewerbers preisgeben. Ich achte auf korrekte und gute Sprache, die mir signalisiert, wie viel Mühe darin steckt. Der Lebenslauf ist ganz wichtig. Der Weg muss nicht gradlinig sein, aber ich lege Wert auf Begründungen beim Wechsel von Jobs. Eine Unterbrechung oder eine längere Auszeit ist auch kein Problem, aber ich bin neugierig, warum jemand eine Auszeit genommen hat.

WAW: Gibt es bei der Bahn ein anonymisiertes Bewerbungsverfahren?

Celik: Nein. Es gibt aber einen vorgeschalteten Online-Test für Auszubildende, damit wir von den Schulnoten wegkommen. Bewerber durchlaufen den Test nach sozialen, fachlichen und methodischen Kompetenzen. Nach dem Ergebnis des Tests werden Bereiche für mögliche Berufe empfohlen und die Bewerbungen den Unternehmensbereichen kanalisiert zur Verfügung gestellt. Wir haben kein anonymisiertes Verfahren wie in den USA ohne Foto, Geschlecht oder ohne Namen. Freundliche Fotos werden immer noch gern gesehen.

WAW: Das anonymisierte Verfahren dient im Wesentlichen der Chancengleichheit. Ihr eigener Werdegang als Frau mit Migrationshintergrund zeigt, dass es damit bei der Bahn offensichtlich keine Probleme gibt.

Celik: Ja, für mich war es bislang kein Problem. Ich kenne in der Personalabteilung niemanden, der nach Kriterien wie dick oder dünn, Schönheitsideal, aus einem anderen Land kommend oder danach, ob der Name schwer zu schreiben ist, neue Mitarbeiter einstellt. Für uns sind das Engagement und die Kompetenz entscheidend.

WAW: Wie viele Nationalitäten gibt es bei der Bahn?

Celik: Bei der DB arbeiten Menschen aus mehr als 100 Ländern. Wir sind ein sehr buntes Unternehmen. Das spürt man auch. Ich will nicht sagen, dass es immer einfach ist, es gibt eben Menschen, die miteinander besser und solche, die miteinanderweniger gut klarkommen. Das hat aber oft andere Gründe als die Nationalität.

WAW: Bei der Bahn wird rund um die Uhr gearbeitet. Wie bewältigen sie die Verträglichkeit von Beruf und Familie? Haben Alleinerziehende eine berufliche Chance bei der Bahn?

Celik: Die Bahn ist ein familienfreundliches Unternehmen. Dennoch ist es nach wie vor eine Herausforderung, Familie und Arbeit unter einen Hut zu bringen. Es ist nicht leicht, weil viele Tätigkeiten in Schichtdiensten erbracht werden. Wir sprechen das bereits in den Bewerbungsgesprächen an. Einfacher ist es bei Bürotätigkeiten. Wir haben Eltern-Kind-Räume in vielen Gebäuden, so können Eltern in Ausnahmefällen ihre Kinder mit zur Arbeit bringen. Es gibt außerdem die Möglichkeit, Regelungen zu Home-Office oder zu flexiblen Arbeitszeiten zu vereinbaren. Ich selbst habe gute Erfahrungen gemacht. So habe ich mit meinem Chef vereinbart, dass ich meine Tochter wenn möglich 1 – 2 Mal in der Woche von der Schule abholen will. Er sagt, ihm sei egal von wo ich arbeite. Für ihn ist nicht die Anwesenheit, sondern vor allem das Ergebnis wichtig.

WAW: Hat die Bahn eigene Kindereinrichtungen?

Celik: An den großen Standorten bieten wir unseren Mitarbeitern betriebsnahe Kinderbetreuungseinrichtungen und/oder Belegplätze in Kindertagesstätten. Darüber hinaus helfen wir bundesweit bei der Vermittlung von Kinderbetreuungsplätzen in Kooperation mit unserem Sozialpartner, der Stiftung Bahn-Sozialwerk. An vier Standorten bieten wir im Sommer auch eine eigene Ferienbetreuung für Mitarbeiter-Kinder an.

WAW: Wie engagiert sich die Bahn bei der Bewältigung der globalen Flüchtlingswelle?

Celik: Die Bahn macht sich in den Bereichen Akzeptanz und Integration sehr stark. Wir haben diverse Projekte entwickelt und mehrere Kooperationen. Die Bahn prüft Beschäftigungsmöglichkeiten und bietet Jobs, wenn die Rahmenbedingungen dafür geklärt sind. Derzeit bieten wir bei der DB Services im „Chance Plus Programm“ ein mehrmonatiges Praktikum zur Vorbereitung auf eine Ausbildung an. Hierbei sollen die Flüchtlinge durch enge soziale Betreuung und Sprachförderung die Ausbildungsreife erlangen. Wir wollen damit unserer sozialen und gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden. Bisher wurden bei der DB insgesamt 120 Plätze zur Qualifizierung von Flüchtlingen angeboten. In diesem und im nächsten Jahr kommen noch einmal 150 hinzu.

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Betty arbeitet als freie Journalistin und ist Herausgeberin im Verlag Berliner Journalisten. Im Ullstein-Verlag veröffentlichte sie drei Sachbücher zu den Themen Europa, Verbraucherrecht und der Gleichstellung allein erziehender Mütter.

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